Mittwoch, 26. August 2009

Diese Liturgie verdient etwas mehr Respekt

Wir sehen den Himmel offen. Zumindest in der einen oder anderen Barockkirche, wenn wir an die Decke schauen. Unzählige Kirchenmaler, der eine mit mehr, der andere mit etwas weniger Talent, haben ihr Herzblut in die Illusion einfließen lassen. Andere Künstler haben Altäre geschaffen, den höchsten in der Sichtachse des Gotteshauses. Der barocke Hochalter ist ein Zwitter: Wohnstätte Gottes und Opferstatt im Hier und Jetzt, zugleich aber illusionistischer Portikus in eine andere Welt, mit Säulen rechts und links der Mensa und, banal gesagt, einem Giebel obendrauf. Man kann die Sache aber auch weniger überhöhend betrachten. Dann ist der barocke Hochaltar einfach eine bildmächtige Kulisse für die Messe - genauer: für die "tridentinische" Messe.

Die, wo alles nur lateinisch über die Bühne geht. Die, wo der Priester "mit dem Rücken zum Volk" steht. Die den Laien zum frommen Schäflein degradiert. Und die, welche auf ein Jahrhunderte altes Herkommen zurückblicken kann, eine Provenienz, welche über die Kodifizierungsmaßnahmen des Trienter Konzils (1545 - 1563) noch tiefer in die Vergangenheit zurückreicht.

Für Gläubige, die sich der Tradition verbunden sehen, steht der Priester freilich versus Deum, bildet, in einem Zug mit den Gläubigen - aber nicht von ungefähr an deren Spitze - die civitas christiana, das christliche Gemeinwesen, das sich auf Gott hin ausrichtet und Orientierung im ursprünglichen Sinn dieses Wortes sucht. Nicht von ungefähr spricht man auch von der Feier ad orientem.

Die lateinische Sprache wird nicht als Barriere empfunden, sondern als Grenzmarke zum Mysterium hin. Grenzmarke deswegen, weil die Materie letztlich die Form übersteigt. Was geschieht, ist für den Gläubigen unaussprechlich, egal in welcher Sprache. Was sich vollzieht, ist allemal der Normalität, dem Alltag enthoben. Es ist heilig und somit auch dem unmittelbaren Zugriff menschlichen Verstehens entrückt. Wer dafür keinen Sinn hat oder kein Verständnis dafür aufbringen möchte, der wird diese Liturgie nie verstehen können. Und beraubt sich damit freilich auch der Grundlage, zu angemessenem Urteilen über sie zu finden.

Erst vor wenigen Jahrzehnten krempelte die katholische Kirche die Form ihres wichtigsten Gottesdienstes radikal um. Heute schaut der Priester zum "Volk Gottes", wie es aus der vorkonzilaren Schafsherde expressis verbis herausdekliniert wird. Gesprochen wird im Regelfall in der jeweiligen Landessprache, besondere Übersetzungshilfen scheinen überflüssig. Was kurz zuvor noch gültig war, schien wie weggefegt - die "alte" Messe führte plötzlich ein Schattendasein, war Konzession an greise Priester, die sich nicht mehr umstellen wollten, wanderte in die Wohnzimmerkapellen rechtsrebellischer Katholiken ab, blieb ob eines staatlich verordneten antirömischen Affekts (was natürlich zu den Treppenwitzen der Geschichte gehört) noch eine Weile bei der katholisch-patriotischen Kirche Chinas in usum und wurde später vor allen als Steckenpferd der Piusbrüder wahrgenommen.

Ad Maiorem Dei Gloriam (und ein wenig auch zum Ruhm der Auftraggeber) brachte die "tridentinische" Liturgie zu ihren Glanzzeiten immerhin unzählige Künstler auf Trab: Baumeister, Bildhauer, Maler, Musiker. Wir bewundern heute - hier allein nur am Barock und dessen Ausläufern illustriert - deren Werke. Wir tappern mit offenem Mund durch die Gotteshäuser von Vierzehnheiligen oder Einsiedeln und können uns nicht satt sehen an Berninis Verzückung der heiligen Teresa von Avila. Wir bekommen Genickstarre beim Betrachten der Himmelsvision, die Franz Joseph Spiegler in Zwiefalten über unseren Köpfen ausbreitet und spitzen die Ohren bei den Messen Haydns und Mozarts.

Geht es aber um die Liturgie, der sich dieser kulturelle Reichtum verdankt, dann ziehen nicht wenige die Rübe ein - verständlicherweise, wenn man, womöglich, viel mit Kunst, aber nur wenig mit Religion am Hut hat. Andere wiederum fahren Geschütze auf, als stünde der Teufel vor der Tür, und ziehen in die Abwehrschlacht.

In der Erzdiözese Freiburg war die "tridentische" Messe lange Zeit überhaupt nicht wohlgelitten. Als sich 1988 die Piusbrüder anschickten, ihren Verein mittels unerlaubter Bischofsweihen noch autonomer zu führen, bat Johannes Paul II. die Bischöfe, jenen Gläubigen, die an dieser Messe teilnehmen wollten, großherzig entgegen zu kommen, um sie vor dem potentiellen Abgleiten in ein Schisma zu bewahren. Die Resonanz auf dieses päpstliche Bitte fiel in Freiburg nicht eben berauschend aus. Als Benedikt XVI. 2007 der "alten" Messe endgültig erneut Heimatrecht in der Kirche ein- und unzählige noch verbliebene Hürden abräumte, brauchte der berühmt-berüchtigte liberale badische Katholizismus wiederum einige Monate. Um sich dann zu einer Regelung durchzuringen, die der Weite, die das päpstliche Schreiben Summorum pontificum in Aussicht stellte, auch gleich wieder Grenzen zog: Sonntagsmessen in der Bischofsstadt? Ja. Aber nur alle zwei Wochen. Und mehr ist es seither - seit Januar 2008 - nicht geworden, trotz gegenteiliger Ankündigung.


In Berlin hat sich ein Kirchenblatt nun eine besonderes Meisterstück geleistet. Davon demnächst mehr ...

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